Wolfgang Schwartz

KRAKAU, BESKIDEN UND HOHE TATRA

Eine einwöchige Radtour an der Grenze Polen-Slowakei

Deutsche Radfernwege erfreuten sich in den letzten Jahren steigender Beliebtheit. Aber auch unsere Nachbarn im Osten bieten spektakuläre Radwege mit wenig Verkehr und einer authentischen Natur- und Kulturlandschaft. Grund genug, das neue Radparadies entlang des Flusses Dunajec zu Füßen der Hohen Tatra zu testen. Am besten auf einer einwöchigen Radtour wie Sie der polnische Veranstalter BIRD-SERVICE anbietet.
Polen - da gab es zuerst einige von Unwissen geprägte Vorurteile: Brauche ich einen Reisepass oder nicht? - Antwort: Für Polen nicht, aber für den Grenzübergang in die Slowakei ist dieser (noch) angeraten. Und wirtschaftliche Rückständigkeit und unfreundliche Bedienung? - Antwort: Viele ausländische Besucher beklagen auch den schlechten Service in manchen deutschen Bundesländern, und die Wachstumsraten Polens liegen über denen Deutschlands. Und Kriminalität? - Antwort: Die ist in deutschen Großstädten auch nicht geringer als auf dem Land in Polen. Ja, aber die berüchtigten Autoknacker? - In Polen gibt es auch bewachte Hotelparkplätze. Noch besser: wenn ich mit der Bahn anreise, kann ich mir kein Auto stehlen lassen ... 

Also, dann auf nach Krakau, dass von Berlin aus tags und nachts direkt mit der Bahn in 8-10 Stunden Fahrzeit erreichbar ist. (Hier hat die polnische Agentur BIRD-SERVICE mit über 10 Jahren Touristik-Erfahrung ihren Sitz und bietet geführte und individuelle Radtouren auf dem Dunajec-Radweg an.)

Wawel-Burg oberhalb der Weichsel-Schleife

Die Radtour beginn und endet in Krakau: Allein für diese Stadt - ein UNESCO-Weltkulturerbe - kann man eine Woche einkalkulieren: diverse Museen, Bauwerke, Caf??s und Bars laden zur Entspannung ein. Und wer das Grüne bevorzugt. Krakau hat viele Parks und  entlang des Weichsel-Radweges hat man schnell und ruhig die Innenstadt verlassen und ist alsbald im Grünen. Genießer haben die Wahl zwischen Erlebnis-, internationaler und natürlich auch bodenständiger Gastronomie: griechisch-italienisch-afghanisch-chinesisch-brasilianisch - hier ist die Welt zuhause. Dazu viele In-Lokale, die sich vor allem in der Studentenschaft (10% der 700.000 Einwohner sind Studenten) schnell herumsprechen.
Architektonische Perlen von Krakau sind das historische Jüdische Viertel, der größte Marktplatz Europas sowie natürlich die Burg Wawel, die oberhalb einer Weichsel-Schleife hinaufragt.

In die Berge

Am ersten Tag geht es nach einem Stadtrundgang durch Krakau per Bus nach Zakopane - Polens bedeutendstes Wintersporteldorade und Bergfrische. Der Ort liegt in einem Talkessel am Rand der Hohen Tatra, dem höchsten Gebirge Polens, das zur selben Zeit wie die Alpen, im Tertiär, aufgefaltet wurde. Dieses Hochgebirge bildet auch die Wasserscheide Europas zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer. 
In Zakopane beginnt die Radtour. Übernachtet wird in einem mit viel Holz gebauten Hotel am ruhigen Ortsrand, dass früher privilegierte Parteifunktionäre beherbergte, jetzt aber von innen komplett neu gestaltet wurde - wie fast alle Unterkünfte dieser Tour. Nach einem üppigen Frühstücksbuffet geht es erst durch Zakopane und dann mit einer modernen Standseilbahn (mit Radbeförderung!) hinauf auf den Bergrücken von Gubalowka. Ein letzter Blick hinunter auf den Talkessel mit Zakopane und es geht durch eine erst almenartige Landschaft - vorbei an urigen Bergdörfern mit vielen traditionellen Holzhäusern. Gerastet wird in einer urigen Gaststätte in Chocholow - bekannt als "lebendes Freilichtmuseum" aus Holz.
Gestärkt geht es weiter durch Hochmoor und weiter bergab nach Nowy Targ (Neumarkt) - Hauptort der Goralen schon seit dem Mittelalter. Goralen - das waren/sind die Bewohner der Hohen Tatra, ursprünglich Bergbauern. 
Kurz hinter Nowy Targ vereinigen sich Schwarzer und Weißer Dunajec. Nun ist es nicht mehr weit nach Lopuszna, wo wir in einer Pension übernachten. Diese wurde innen großzügig und mit viel Holz modernisiert. Mit Glück gibt es abends frischen Fisch aus den benachbarten Fischteichen. Und für den Ausgleich des Mineralienhaushaltes wurde schon unterwegs gesorgt: Überall wird von Bauern leckerer geräucherter Schafskäse angeboten - eine lokale Spezialität mit hohem Salzgehalt.

Spektakuläre Schlucht beim Dunajec-Durchbruch

Am nächsten Tag folgen wir dem Dunajec nach Spis (Zips) - eine geschichtsträchtige Region mit eigentümlicher Folklore. Es geht an einem Stausee vorbei, das vom Schloss Niedzica aus dem 14.Jh. überragt wird. Ein Rundgang hier läßt die Vergangenheit lebendig werden, als der ungarische Adel hier residierte - immerhin noch bis in das 20.Jh. hinein. Nach einer weiteren Übernachtung (in Niedzica) radeln wir in die Slowakei - immer direkt neben dem Fluss Dunajec entlang. Der Fluss bildet die natürliche Grenze zwischen Polen under Slowakei, und früher war diese abgelegene und schwer zugängliche Region ein Eldorado für Schmuggler. Die Grenze ist erst seit kurzem für Ausländer offen, und darum ist dieses Gebiet in Deutschland auch noch relativ unbekannt. Schon seit 1830 lassen sich begeisterte Gäste auf Flössen den Dunajec hinuntertreiben. Wir passieren die Ein-/Ausstiegssationen für Flößer und genießen den Vorteil der totalen Freiheit - anders als jene jederzeit anhalten zu können, wenn es uns gefällt.
In der Slowakei erreichen wir Cerveny Klastor, das "Rote Kloster". Eine Pause im Klosterhof ist ein "Muss", denn das Bier ist hier nicht nur wegen seines günstigen Preises, sondern seiner guten Qualität bekannt.
Nun beginnt der Höhepunkt; eine Passage, die tw. dem Donauradweg ähnelt - nur schöner, spektakulärer und vor allem: weniger überfüllt. Der Fluss fließt mitten durch Nationalparke, kilometerweit sind keine Spuren der Zivilisation wie Häuser, Masten oder Drähte zu sehen - außer einigen  (Rad)wanderern.
Beim spektakulären Durchbruch durch die Pieniny-Berge schlängelt sich der Dunajec auf einer Länge von 9 km zwischen mehreren, bis zu 200 m steil aufragenden Kalksteinfelsen hindurch - und mit ihm der Radweg. Kein Autoverkehr und keine störende Hochspannungsleitung weit und breit!
Schade, nach 20 km ist es vorbei: Plötzlich taucht hinter Bäumen eine bescheidene Blockhütte auf; 3 Männer sitzen an einem Tisch und fragen nach dem Reisepass. Das ist der letzte Grenzübergang heute - exklusiv nur für Fußgänger und Radfahrer. Der Zöllner drückt kräftig einen slowakischen Stempel mit Rad-Embleme in meinen Reisepass. 

Heilwasser und Affenschloss

Nach dem Grenzübergang weitet sich das Tal. Die Route führt schließlich auf einem exzellent ausgebauten Radweg durch das Grajcarek-Tal zum bekannten Kurort Szczawnica zu Füßen des Pieniny-Gebirges. Eine kleine Runde durch den Kurpark und dann fließen die letzten Schweißtropfen, denn das Hotel liegt etwas aufwärts. Dafür hat man von den Zimmern (mit Balkon!) einen weiten Blick auf das Pienin-Gebirge. Gleich gegenüber sprudelt eine Heilquelle, inder man sich (gratis) mit dem mineralstoff- und kohlensäurehaltigen Quellwasser etwas Gutes tun kann. 
Tipp für Abends - auch lohnend für alle, die sonst das Hotelzimmer einer Kneipe vorziehen: "Koci Zumek", das "Affenschloss", ist nicht irgendeine Bar, sondern bietet Erlebnisgastronomie pur. Das "Affenschloss" besteht aus vielen verwinkelten Räumen, die unterschiedlichst eingerichtet sind, ob Grotte mit Felsen oder Wintergarten mit Palme. Und jeder Raum bietet wieder eine neue Überraschung. Wenn man auf das Bier mal länger warten muss, hat sich die Bedienung in dem Höhlenlabyrinth verlaufen ... was glücklicherweise kaum vorkommt. Ein Rundgang ist Pflicht hier, und das ganze wirkt sauber und souverän geführt.  Aber man sollte nicht zuviel trinken: Erstens findet man sonst aus dem Labyrinth der Räume nicht heraus, zweitens geht es noch 50 Höhenmeter rauf zum Hotel und drittens: morgens ist wieder ein Radtag.

Bauerndörfer und alte Kleinstädte

Am nächsten Tag folgen wir weiter dem Dunajec stromabwärts - aber dieses Mal in einem weiten Tal zwischen zwei Beskiden-Ketten mit Kulturlandschaft - auf meistens kleinen Straßen mit Feldern, Wiesen, Obstgärten und blumengeschmückten Bauernhäusern. Die kleinen Staken, auf denen das gemähte Gras zum Trocknen liegt, sind im Sommer eine angenehme Auflockerung.  Kurz vor Stary Sacz verlassen wir das Dunajec-Tal und radeln am Nordrand der Beskiden entlang nach Rytro, der nächsten Station. Das Hotel liegt direkt am Poprad, einem Zufluss des Dunajec. Das ??ußere ist eher schlicht, aber die modernisierten und sehr geräumigen Zimmer lassen das vergessen. Geradezu unerwartet bietet das äußerlich eher schlichte Hotel den Luxus eines modernen "Wellness-Centers": Sauna mit Fitness-Raum und Whirl-Pool. Am nächsten Tag, der Schlussetappe, folgen wir dem Poprad flussabwärts und erreichen bei Stary Sacz (Alt Sandez) wieder den Dunajec. Hier lassen wir die authentische Atmosphäre der alten Kleinstadt auf uns wirken, ehe wir mit Nowy Sacz (Neu Sandez) eine jüngere Stadt und die Schlussetappe erreichen. Viele Gebäude stammen hier aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende - darunter das neogotische Rathaus und viele Jugendstilhäuser. Von hier aus geht es wieder zurück nach Krakau, wo noch eine Nacht in einem stilvollen Hotel im jüdischen Viertel verbracht wird.

Übernachtungen

Ein Wort zu den Hotels. Ich war nach Polen mit der Vorstellung alter verstaubter, muffiger und schlecht gepflegter Hotels angereist, dessen Personal nach sozialistischer Schule eher nachlässig mit seinen als Bittstellern behandelten Kunden umgeht. Weit gefehlt! Alle Hotels und Pensionen der organisierten Radreisen entsprechen dem mittleren Standard in Deutschland. Das Innere ist inkl. der sanitären Anlagen bei allen Anlagen in den letzten jahren grundlegend modernisiert worden: Die Zimmer sind geräumig und gut ausgestattet, das Personal freundlich, und das Essen reichlich und abwechslungsreich. Da kann sich so manches Hotel in der deutschen "Service-Wüste" so eine Scheibe von abschneiden! Natürlich - am ??ußeren erkennt man noch bei einigen Anlagen die Vergangenheit als Ferienheim des Arbeiter und Bauernstaates - aber das gehört dann auch wieder dazu, solange die Qualität stimmt! Und ein derartig gutes Preis-Leistungs-Verhältnis wie hier findet man derzeit in Europa nicht so schnell.

Reiseleiter & Service

Die Reiseleiter von BIRD SERVICE beweisen, dass diese Tätigkeit kein Beruf, sondern eine Berufung ist, die auch Spaß machen kann. Mit Sachkenntnis und Organisationstalent, aber auch Humor und Feingefühl für die Bedürfnisse der Gäste wird ein rundum ausgewogener Service geboten. Die Reiseleiter stammen aus der Region und sprechen fließend Deutsch. Tomasz Raczkowski z.B. hat Geschichte studiert und ist als professioneller Stadtführer in Krakau bestens mit der Materie vertraut. Aber wer lieber alleine als in der Gruppe radelt, kann das auch. BIRD-SERVICE bietet sowohl Gruppen- als auch individuelle Touren (mit Karten und Begleitinfo) an.
Neben dem Reiseleiter und dem Begleitbus ist noch ein Radmechaniker dabei, der bei Pannen aller Art zur Stelle ist.
Maciej Zimowski hat als Gründer und Inhaber von BIRD-SERVICE die Touren selbst ausgearbeitet. Er ist selbst enthousiastischer Radfahrer, der als Privatpersonen und polnischer Reiseveranstalter zahlreiche europäische Radziele bereist hat und von daher aus eigener Erfahrung weiß, was Radtouristen erwarten bzw. besonders zu schätzen wissen.

Resümee

Alles in allem eine extrem abwechslungsreiche Tour in teilweise unberührter Natur und einer kleinparzellierten Kulturlandschaft mit ursprünglichen Dörfern - ob Gebirge, Flusstäler, Schluchten, Felder, Obstgärten oder Holzhäuser. Verhungern muss keiner unterwegs: Einkehrgelegenheiten und Läden sind keine Mangelwäre. Geradelt wird auf reinen Radwegen und Nebenstraßen mit wenig Verkehr. Aber die Autos, die einem entgegenkommen kann man zählen. Gelegentlich begegnen sich auch Namensgefährten: Wenn Radler mit ihren Stallrössern Pferdegespanne/-kutschen überholen. Nur zweimal muss für ein kurzes Stück auf Hauptstraßen ausgewichen werden. Aber Maciej Zimowski scheut keinen Kontakt mit der Kommunalpolitik und will sich für einen Ausbau des Radnetzes einsetzen; die Mittel seien vorhanden und müssten nur abgerufen werden. Und ein gutes Argument hat er auf seiner Seite: Die Radfahrer tragen einen großen Anteil zur touristischen und damit wirtschaftlichen Entwicklung der Region.  

Wolfgang Schwartz

Der Autor ist freier Journalist und Reiseleiter - in beiden Tätigkeiten spezialisiert auf Radreisen. Er hat verschiedene Reiseführer sowie diverse Artikel in Rad- und Reisezeitschriften veröffentlicht. Als Reiseleiter für verschiedene Reiseveranstalter - sowie privat - bereist er regelmäßig beliebte Radreiseziele in Europa. Seine Schwerpunkte sind Skandinavien, Niederlande, Großbritannien und Italien. Radfahren in Polen war Neuland für ihn - und umso überraschter war er über die Radwege, die Natur sowie Service und Gastfreundschaft.